Selbsthilfe trifft Schule: Neue Brücken zur jungen Zielgruppe
Zusammenfassung
Mehr als die Hälfte aller Selbsthilfekontaktstellen kooperiert mit Bildungseinrichtungen – Tendenz steigend. Das zeigt eine Befragung aus 2022 der NAKOS. Die Vorteile: Sichtbarkeit, Nachwuchsförderung und neue Zugänge zur Selbsthilfe. Der Beitrag von NAKOS-Autorin Katharina Pretscher beschreibt Erfolgsfaktoren, Herausforderungen und Beispiele gelungener Kooperationen mit Schulen, Hochschulen und Weiterbildungsträgern.
Um den Gedanken der gemeinschaftlichen Selbsthilfe bundesweit zu fördern, vernetzen sich Selbsthilfekontaktstellen nicht nur miteinander, sondern auch mit anderen Einrichtungen der gesundheitlichen Versorgung. Die Kooperation von Selbsthilfekontaktstellen mit Bildungseinrichtungen kann wesentlich dazu beitragen, junge Menschen mit Erkrankungen oder in schwierigen Lebenslagen zielgruppengerecht auf die Möglichkeiten der gemeinschaftlichen Selbsthilfe hinzuweisen und Wege in die Selbsthilfe aufzuzeigen. Die NAKOS hat im Sommer 2022 erstmals in einer bundesweiten Befragung auch Zahlen zu Kooperationen mit Bildungseinrichtungen ermittelt.
Insgesamt haben 203 Selbsthilfekontaktstellen an der bundesweiten NAKOS-Befragung „Selbsthilfe im Blick 2022“ teilgenommen. Davon haben 110 Kontaktstellen (54 %) angegeben, dass sie mit einer beziehungsweise mehreren Bildungseinrichtungen kooperieren. Die meisten der genannten Kooperationen sind im Tertiärbereich, also bei Fachakademien, Fachschulen und Hochschulen verortet. Alle weiteren genannten Kooperationen erstrecken sich auf die gesamte Bandbreite an Bildungseinrichtungen – darunter auch Kindergärten und Volkshochschulen.

Laut der Befragung kamen die meisten genannten Kooperationen über persönliche und berufliche Kontakte der Selbsthilfeberater*innen zustande, so zum Beispiel über Fachmessen, gemeinsame Arbeitskreise und Veranstaltungen. Der Rest der genannten Kooperationen wurde gleichermaßen von Bildungseinrichtungen sowie Selbsthilfekontaktstellen initiiert. Teilweise wenden sich die Selbsthilfekontaktstellen aktiv mit ihrem Angebot und Werbematerialien an Bildungseinrichtungen, teilweise werden sie direkt durch einzelne Lehrkräfte, Schulsozialarbeitende und die Studierendenvertretungen kontaktiert.
Kooperationsformate
Die Formate der Kooperationen sind laut der Befragung sehr unterschiedlich. In einigen Fällen besteht die Kooperation in einem gegenseitigen Informationsaustausch: Selbsthilfekontaktstellen informieren die Beratungsstellen der Bildungseinrichtung über bestehende Gruppen und unterstützen eventuelle Neugründungen durch Schüler*innen und Studierende. Teilweise werden die Angebote der Selbsthilfekontaktstelle auch in die Informationsmaterialien der Beratungsstellen der Bildungseinrichtung integriert. In anderen Fällen klären die Kontaktstellen persönlich vor Ort, unterstützt durch Werbematerialien, bei Informations- und Projekttagen an der Bildungseinrichtung über die gemeinschaftliche Selbsthilfe sowie ihre Arbeit auf. In einigen Fällen führen die Selbsthilfekontaktstellen Informationsveranstaltungen und Workshops an den Einrichtungen durch.
Die Mehrheit der genannten Kooperationen besteht jedoch darin, dass sich die Kontaktstellen direkt an Lehrveranstaltungen beteiligen und Unterrichtseinheiten ganz oder teilweise selbst gestalten. In einigen wenigen Fällen erwähnten die Kontaktstellen in diesem Zusammenhang konkrete schriftliche Vereinbarungen mit den Bildungseinrichtungen.
Ganze 49 Selbsthilfekontaktstellen gaben in der Umfrage an, dass sie Selbsthilfegruppen ganz oder teilweise in die Kooperation miteinbeziehen. Dabei beteiligen sich die Betroffenen als Erfahrungsexpert*innen, berichten über den persönlichen Nutzen von Selbsthilfegruppen und wirken aktiv an den Veranstaltungen und Präsentationen mit.
Nutzen von Kooperationen
Die Mehrheit der Kontaktstellen bewertet die bestehenden Kooperationen sehr positiv. Die Auszubildenden werden einerseits selbst für das Thema der gemeinschaftlichen Selbsthilfe sensibilisiert. Sie werden schon früh auf die Selbsthilfe als Möglichkeit im Hilfesystem aufmerksam gemacht und können davon in ihrem eigenen Leben profitieren. Durch die Kooperationen erhalten sie außerdem Informationen zum Umgang mit bestimmten Beeinträchtigungen wie Sucht oder chronischen Erkrankungen.
Andererseits können die Auszubildenden durch die Informationen selbst als Multiplikator*innen fungieren – sei es im privaten Bereich oder in ihrem späteren Beruf.
Da viele Kooperationen mit Bildungseinrichtungen für soziale und medizinische Berufsfelder stattfinden, ist zu erwarten, dass die Auszubildenden den gemeinschaftlichen Bewältigungsansatz auch im Gesundheitssystem verbreiten.
Der Wissenstransfer zwischen Theorie und Praxis wurde ebenfalls als Vorteil der Kooperationen genannt. Im Austausch mit den Auszubildenden gewinnen die Selbsthilfekontaktstellen Erkenntnisse über die Bedürfnisse und Themen junger Menschen. Im gemeinsamen Erarbeiten von Unterrichtseinheiten und Veranstaltungen mit Dozierenden lernen beide Seiten voneinander. Teilweise bewerben sich die Auszubildenden im späteren Verlauf für Praktika oder Arbeitsstellen bei den Selbsthilfekontaktstellen.
Ressourcen
Generell ermutigen die Ergebnisse der NAKOS-Befragung, Kooperationen mit Bildungseinrichtungen weiter aus- und aufzubauen. Dennoch stellen fehlende Ressourcen ein Hindernis dar. Fehlende zeitliche sowie personelle Kapazitäten wurden in den meisten Fällen als Gründe für fehlende Kooperationen genannt. In 29 Fällen gaben die Selbsthilfekontaktstellen andere Prioritäten als Gründe an.
Um Kooperationen zwischen Selbsthilfekontaktstellen und Bildungseinrichtungen zu fördern, hat die NAKOS ein Faltblatt herausgegeben. Dieses informiert Bildungseinrichtungen über die Arbeit von Selbsthilfekontaktstellen und macht diese auf den Nutzen von gemeinschaftlicher Selbsthilfe für junge Menschen aufmerksam.
In diesem Beitrag werden zwei gelungene Kooperationsbeispiele näher beschrieben (siehe Kasten). Weitere Beispiele guter Praxis werden auf dem NAKOS-Fachportal www.selbsthilfe-unterstuetzen.de veröffentlicht.
Kooperationsbeispiele
Beispiel 1: Pausenhofaktionen und Unterrichtskonzept an (beruflichen) Schulen im Ortenaukreis
Unter dem Motto „Ich bin gerade eine Baustelle. Vielen Dank für eure Geduld“ baut die Selbsthilfekontaktstelle eine kleine Baustelle auf dem Schulhof auf und wirbt als Baustellenmitarbeiter*innen verkleidet für die Junge Selbsthilfe Ortenau (JUSEO). Die Schüler*innen werden mit Werbematerialien und persönlichen Gesprächen auf die junge Selbsthilfe und die Angebote der Kontaktstelle aufmerksam gemacht.
Zusätzlich zu der Pausenhofaktion bietet die Kontaktstelle an, ihre Angebote im Schulunterricht vorzustellen. In den 45–90-minütigen Unterrichtseinheiten erfahren die Schüler*innen mehr über die gemeinschaftliche Selbsthilfe und den Umgang mit Erkrankungen und sozialen Problemen. Ziel des Unterrichtskonzeptes ist es, Vorurteile abzubauen und die Schüler*innen in ihrer Betroffenen- und Lebenskompetenz zu stärken.
In Zusammenarbeit mit den jeweiligen Schulsozialarbeitenden wurde das Angebot im Schuljahr 2021/22 bereits sechs Mal durchgeführt. Mehr Informationen und Fotos der Pausenhofaktion unter www.juseo-ortenau.de
Beispiel 2: Unterrichtseinheiten zur Selbsthilfe an den Pflegeschulen des Klinikums Region Hannover GmbH
Bereits seit 2006 gibt es zwischen der KIBIS Hannover und dem Klinikum Region Hannover GmbH eine schriftliche Vereinbarung, in der sich die Kooperationspartner auf die gemeinschaftliche Selbsthilfe als wichtige Ergänzung in der ambulanten und stationären Patientenversorgung verständigen. Außerdem sind in der Vereinbarung gemeinsame Organisationsstrukturen für die Zusammenarbeit festgehalten: die Ernennung von Ansprechpersonen für die Selbsthilfe an den Krankenhäusern, die Bereitstellung von Klinik-Räumlichkeiten für die Selbsthilfe sowie die Informationsbereitstellung zu bestehenden Gruppen durch die Kontaktstelle.
Zusätzlich zu der schriftlich vereinbarten Integration der Selbsthilfe in der Patientenversorgung des Klinikums wurde in jeden Ausbildungsjahrgang der Pflegeschulen des Klinikums eine 90-minütige Lehrveranstaltung zur Selbsthilfe eingegliedert. 2020 hielt die Kontaktstelle insgesamt elf solcher Unterrichtseinheiten ab. In den Vorträgen wurden den Auszubildenden der individuelle und gesellschaftliche Nutzen gemeinschaftlicher Selbsthilfe nähergebracht und die Angebote der Kontaktstelle vorgestellt, um sie so als Multiplikator*innen zu schulen.
Weitere Literatur- und Medientipps
Ergänzend zu unseren Fachbeiträgen finden Sie auf NAKOS IMPULSE weiterführende Literatur- und Medientipps rund um dieses und andere Themen der Selbsthilfe.