Selbsthilfe nach der Flut – Stabilität durch Gemeinschaft
Zusammenfassung
Nach der Flutkatastrophe 2021 wurde schnell klar: Neben akuter Hilfe braucht es langfristige psychosoziale Unterstützung. Der Beitrag dokumentiert, wie Selbsthilfegruppen in NRW durch Netzwerkarbeit, Begleitung und Förderstrukturen gezielt aktiviert und aufgebaut wurden. Ein praxisnaher Einblick in die Rolle von Selbsthilfe in Krisenzeiten und ihren Beitrag zur Resilienzförderung.
Aus den extremen Unwettern vom 14. und 15. Juli 2021 folgte ein Jahrhunderthochwasser mit Sturzfluten und massiven Überschwemmungen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Neben massiven Schäden in der Infrastruktur (Straßen, Brücken, Bahngleise, Gas-, Strom- und Wasserversorgung) waren rund 65.000 Menschen von dieser Flutkatastrophe betroffen. Mehr als 180 Menschen ließen in der Flut ihr Leben. Unmittelbar nach dem Hochwasser mussten die Betroffenen funktionieren, um die Schäden an ihren Häusern zu beseitigen oder ihre vier Wände wiederaufzubauen. Unterstützt wurden und werden sie dabei von zahlreichen Rettungs- und Einsatzkräften und unzähligen Freiwilligen. Viele Menschen sind dabei an ihre Grenzen gestoßen, denn die harte körperliche Belastung beim Wiederaufbau geht mit enormer psychischer Beanspruchung einher. Besonders belastend sind traumatische Erscheinungen während oder direkt im Anschluss an das Hochwasser und deren Folgeerscheinungen, die sich oftmals erst schleichend bemerkbar machen. Um eine langfristige, psychosoziale Versorgung für die Betroffenen der Flutkatastrophe zu gewährleisten, gingen die Selbsthilfekontaktstellen SEKIS Trier und WeKISS des Paritätischen Landesverbandes Rheinland-Pfalz | Saarland mit dem Opferbeauftragten der Landesregierung des Landes Rheinland-Pfalz eine Kooperation ein. Aktion Deutschland Hilft unterstützt das Projekt maßgeblich. Ziel ist es, den Menschen einen langfristig angelegten Rahmen und eine vertrauensvolle Unterstützung zu geben, um das Erlebte zu verarbeiten und neue Kraft schöpfen zu können.
Zusätzlich Hilfsangebote
Die Erlebnisse der Katastrophe sitzen tief. Erinnerungen sind bei den Betroffenen präsent und sie brauchen Zeit zur Auf- und Verarbeitung. Die von SEKIS Trier und WeKISS zusätzlich geschaffenen Selbsthilfeangebote orientieren sich eng an den Anliegen der Betroffenen und ergänzen bestehende Angebote der Beratung und der medizinischen beziehungsweise therapeutischen Versorgung. Deshalb wurden in den betroffenen Regionen insgesamt 16 lokale Anlaufstellen eingerichtet, die in regelmäßigen Sprechzeiten Betroffene über die Chancen und Möglichkeiten der Selbsthilfe informieren und dabei unterstützen, Selbsthilfegruppen zu gründen. Neben selbstorganisierten Gruppen entstehen auch fachlich angeleitete Selbsthilfegruppen. In beiden Fällen steht der Austausch auf Augenhöhe in einem geschützten Raum im Fokus. Durch das Engagement in einer Gruppe werden Verlust und Trauer bewältigt, die durch die Flut entstanden sind. Bei manchen Teilnehmenden unterstützt die Gruppe dabei, die Isolation aufzubrechen. Auch der Präventionsgedanke wird in den Gruppen gestärkt, indem man posttraumatischen Belastungsstörungen vorbeugt und die vom Hochwasser betroffenen Menschen sich gegenseitig dabei unterstützen, das Erlebte zu verarbeiten. Das Angebot richtet sich an Betroffene sowie deren An- und Zugehörige, Hinterbliebene der Verstorbenen, Augen- und Ohrenzeugen sowie an Helfende und Freiwillige, die sich während der Aufräumarbeiten und der Versorgung engagiert haben oder immer noch engagieren. Die Kooperation des Landes Rheinland-Pfalz mit SEKIS Trier und WeKISS wird als große Wertschätzung gegenüber der Selbsthilfe und Selbsthilfeunterstützung wahrgenommen.
Weitere Literatur- und Medientipps
Ergänzend zu unseren Fachbeiträgen finden Sie auf NAKOS IMPULSE weiterführende Literatur- und Medientipps rund um dieses und andere Themen der Selbsthilfe.