Selbsthilfe in Zeiten der Klimakrise – Herausforderungen erkennen
Zusammenfassung
Die Klimakrise stellt Selbsthilfegruppen durch neue gesundheitliche Beschwerden, Ängste und Mobilitätsprobleme vor Herausforderungen. Gast-Autorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Centre for Planetary Health Policy (CPHP) Dorothea Baltruks berichtet aus der Praxis und fordert mehr Austausch sowie klimaresiliente Strukturen in der Selbsthilfe.
Die Auswirkungen der Klimakrise spüren viele Menschen auch hier in Deutschland inzwischen ganz persönlich. Vor allem die zunehmenden Hitzewellen sind eine Gefahr für uns. Bereits 2023 stufte das Umweltbundesamt die Gesundheitsrisiken durch Hitzebelastung als „hoch“ ein (UBA 2021) und laut RKI starben im Sommer 2022 etwa 4.500 Menschen frühzeitig an den Folgen der Hitze (RKI 2022). Besonders gefährdet sind ältere Menschen, aber auch einige chronische Erkrankungen können sich bei Hitze verschlechtern, darunter chronische Lungenerkrankungen (Witt et al. 2015) und Neurodermitis (Luschkova et al. 2021) ebenso wie Suchterkrankungen und Depressionen (Liu et al. 2021).
Welche Rolle die Selbsthilfe in der Klimakrise spielen kann, haben sich die Mitarbeitenden beim Centre for Planetary Health Policy, einer Denkfabrik mit Fokus auf Gesundheitspolitik im Kontext ökologischer Krisen, gemeinsam mit der BAG Selbsthilfe in einem vom AOK-Bundesverband unterstützten Projekt angesehen. In einer Arbeitshilfe haben sie das Thema Hitze genauer beleuchtet und sowohl neuste wissenschaftliche Erkenntnisse über die vielfältigen Auswirkungen von Hitze auf die psychische und körperliche Gesundheit als auch praktische Tipps zum Umgang mit Hitze zusammengestellt (BAG Selbsthilfe 2022).
Auch in der Selbsthilfe ist die Klimakrise immer spürbarer
In Workshops wurde deutlich, dass viele Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen die Auswirkungen der Klimakrise bereits ganz direkt spüren. Es wäre für den gesundheitspolitischen Diskurs rund um dieses Thema wichtig, diese Erfahrungsberichte zu hören und in Anpassungsstrategien zu berücksichtigen. Auch in der Entwicklung von Klimaschutzmaßnahmen ist die Stimme von Menschen, die in der Selbsthilfe organisiert sind, wichtig. Ein ausgebauter ÖPNV und Fernverkehr müssen barrierefrei sein.
Vulnerable Gruppen im Katastrophenschutz mitdenken
Das tragische Beispiel der zwölf Bewohner*innen eines Lebenshilfehauses in Sinzig, die durch die Flut im Ahrtal 2021 ums Leben kamen, zeigt darüber hinaus, dass auch Katastrophenschutzpläne die Bedürfnisse und Umstände aller Menschen berücksichtigen müssen. Sowohl die lokalen Behörden als auch Einrichtungen und deren Personal müssen sich auf mögliche Katastrophen vorbereiten, adäquate Alarm- und Einsatzpläne etablieren und deren Umsetzung durch die notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen ermöglichen. Dabei müssen lokale Risikofaktoren künftig auch unter dem steigenden Risiko von Extremwetter-Ereignissen – starken Niederschlägen, Überschwemmungen, Hitze, Waldbrandgefahr und Stürmen – bewertet und Warnung sowie Schutz von vulnerablen Gruppen vorausschauend geplant werden (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe 2016).
Klimawandel bremsen und vermeidbares Leid reduzieren
Jedes Zehntelgrad Erderwärmung weniger bedeutet weniger Leid, weniger Gefährdung der Lebensgrundlagen, vor allem der vulnerabelsten Menschen und Gebiete. Gleichzeitig sind viele der gesundheitlichen Auswirkungen und Todesfälle durch Klimaveränderungen vermeidbar und sollten durch bessere Klimaanpassungs-Strategien und -Maßnahmen reduziert werden (van Daalen et al. 2022). Dafür sind alle Akteur*innen gefragt: Politische Entscheidungstragende auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene müssen Risiken identifizieren, Strategien entwickeln und umsetzen sowie nötige Ressourcen und Informationen zur Verfügung stellen.
Gesundheitswesen und Selbsthilfeorganisationen
Akteure im Gesundheits- und Pflegebereich sollten Aufklärung über gesundheitliche Risiken und Schutzmaßnahmen verstärkt betreiben. Immer mehr Berufsverbände, Fachgesellschaften und Lehranstalten behandeln die gesundheitlichen Auswirkungen der Klimakrise in Aus- und Weiterbildung, doch Wissen und Anwendung in der Praxis fehlen in den meisten Fachgebieten noch (Baltruks et al. 2022).
Selbsthilfeorganisationen können hier mindestens in zweierlei Hinsicht eine wichtige Rolle spielen: Zum einen können sie valide Informationen über gesundheitliche Klimawandel-Folgen an ihre Mitglieder und Interessierte weitergeben, wenn möglich mit dem Fokus auf spezifische Bedürfnisse und Fragestellungen in ihrem Wirkungsbereich. Zum anderen können sie die Erfahrungsberichte und Bedürfnisse ihrer Mitglieder in die öffentliche Debatte und die konkrete Gestaltung von Klimaschutz und -anpassung einbringen. Dies hilft Politik und Forschung, Lücken und Barrieren in Klimaschutz und -anpassungsmaßnahmen zu finden und zu schließen, was wiederum der ganzen Gesellschaft zugutekommt.
Klimafreundliche Selbsthilfearbeit
Auch wenn der ökologische Fußabdruck der Selbsthilfe im Vergleich zu Krankenhäusern, Medizinprodukte-Herstellern oder anderen großen Akteuren im Gesundheitswesen sehr gering ist, gibt es doch in vielen Verbänden den Wunsch, einen eigenen Beitrag zu leisten. Von Juni 2022 bis März 2023 erarbeiteten Mitarbeitende des Centres for Planetary Health Policy zu diesem Thema mit der BAG Selbsthilfe und ihren Mitgliedern ein Strategiepapier zur klimafreundlichen Verbandsarbeit, in dem praktische Hinweise zur einfachen Emissionsreduktion sowie zum Umgang in der Selbsthilfe mit Gefühlen und Gesprächen rund um das Thema Klimakrise zusammengetragen werden. In Workshops wurde von guten Beispielen wie der MigräneLiga e.V. (2023), die in den letzten Jahren viele Schritte hin zur klimaresilienten Verbandsarbeit gemacht hat, berichtet. Wichtig ist dabei nicht nur die Wirkung auf die Treibhausgasbilanz, sondern vor allem die Selbstwirksamkeit und die gemeinsame Auseinandersetzung mit dem Thema. Den meisten Menschen in Deutschland ist inzwischen klar, wie bedrohlich die Klimakrise für das menschliche Wohlergehen ist. Nun geht es darum, sich zusammen in allen gesellschaftlichen Kontexten dafür einzusetzen, dass dieses Wohlergehen so gut wie möglich geschützt wird.
Quellen
BAG Selbsthilfe (Hrsg.): Hitze: Folgen, Prävention und Schutz. Eine Arbeitshilfe für Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen und deren Selbsthilfeverbände. 2. Auflage, Düsseldorf 2024. Link: www.bag-selbsthilfe.de/fileadmin/user_upload/_Informationen_fuer_SELBSTHILFE-AKTIVE/Projekte/Klimakrise_und_Selbsthilfearbeit/FINAL_Arbeitshilfe_zu_Hitzefolgen_und_Hitzeschutz.pdf (abgerufen am 03.12.2025)
Baltruks, Dorothea / Mezger, Nikolaus C.S. / Schulz, Christian M. / Voss, Maike: Umsetzung von Klimaschutz und Nachhaltigkeit unter Ärzt:innen und Führungskräften im Gesundheitswesen braucht Unterstützung. Auswertung einer Umfrage der Stiftung Gesundheit im Auftrag der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. und dem Centre for Planetary Health Policy. Berlin 2022. Link: https://cphp-berlin.de/umsetzung-von-klimaschutz-und-nachhaltigkeit-unter-aerztinnen-und-fuehrungskraeften-im-gesundheitswesen-braucht-unterstuetzung/ (abgerufen am 03.12.2025)
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (Hrsg.): Klimawandel – Herausforderungen für den Bevölkerungsschutz. Band 5 Praxis im Bevölkerungsschutz. 2. Auflage, Bonn 2019. Link: https://www.bbk.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Mediathek/Publikationen/PiB/PiB-05-klimawandel.pdf?__blob=publicationFile&v=12 (abgerufen am 03.12.2025)
Liu, Jingwen / Varghese, Blesson M. / Hansen, Alana et al.: Is there an association between hot weather and poor mental health outcomes? A systematic review and meta-analysis. In: Environment International, Nr. 153, August 2021. 2021, S. 1-18. Link: https://doi.org/10.1016/j.envint.2021.106533 (abgerufen am 03.12.2025)
Luschkova, Daria / Zeiser, Katharina / Ludwig, Alika / Traidl-Hoffmann, Claudia: Neurodermitis ist eine Umwelterkrankung. In: Allergologie, Nr. 44(9). 2021, S. 681-688. Link: https://opus.bibliothek.uni-augsburg.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/90011/file/90011.pdf (abgerufen am 03.12.2025)
Robert Koch Institut (Hrsg.): Winklmayr, Claudia / an der Heiden, Matthias: Hitzebedingte Mortalität in Deutschland 2022. In: Epidemiologisches Bulletin, 42/2022, Oktober 2022. 2022, S. 3-9. Link: https://edoc.rki.de/handle/176904/10346.3 (abgerufen am 03.12.2025)
Umweltbundesamt (Hrsg.): Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 für Deutschland. Dessau-Roßlau 2021. Link: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/479/publikationen/cc_20-2021_kwra2021_anhang.pdf (abgerufen am 03.12.2025)
van Daalen, Kim R. / Romanello, Marina / Rocklöv, Joacim: The 2022 Europe report on the Lancet Countdown on health and climate change: towards a resilient future. In: The Lancet Public health, Nr. 7(11), November 2022. 2022, S. 942-965. Link: https://www.thelancet.com/journals/lanpub/article/PIIS2468-2667(22)00197-9/fulltext (abgerufen am 03.12.2025)
Witt, Christian / Schubert, André J. / Jehn, Melissa et al.: The Effects of Climate Change on Patients with Chronic Lung Disease. A Systematic Literature Review. In: Deutsches Ärzteblatt, Nr. 112, 2015. 2015, S. 878–883. Link: https://di.aerzteblatt.de/int/archive/article/173351 (abgerufen am 03.12.2025)
Weitere Literatur- und Medientipps
Ergänzend zu unseren Fachbeiträgen finden Sie auf NAKOS IMPULSE weiterführende Literatur- und Medientipps rund um dieses und andere Themen der Selbsthilfe.