Pressearbeit für Selbsthilfegruppen – durch Medien Öffentlichkeit erzielen
Zusammenfassung
Ob für mehr Sichtbarkeit, neue Mitglieder oder ein besseres Image: Pressearbeit lohnt sich – auch für Selbsthilfegruppen. Gast-Autorin Katja Gwosdz zeigt, wie Gruppen ihre Themen professionell platzieren können. Von Zielgruppenanalyse über Pressekontakt bis zur richtigen Sprache. Der Beitrag bietet strategische Impulse und praxisnahe Tipps für gelungene Medienarbeit mit begrenzten Ressourcen.
In einer großen Stadt wie Hamburg passiert jeden Tag so viel, dass es nicht einfach ist, die Aufmerksamkeit der Medien zu bekommen. Wir kennen es alle selbst: Über die unterschiedlichsten Kanäle (E-Mails, Newsletter, Social Media, Fernsehen, Zeitung, Werbung etc.) erhalten wir ungezählte Informationen. Wie soll da eine Selbsthilfegruppe hervorstechen und bekannter werden?
Ein guter Weg ist zu versuchen, in die Zeitung zu kommen. Mit gedruckten Ausgaben und Digitalauftritten erzielen Zeitungen deutschlandweit immer noch eine Gesamtreichweite von 79,8 Prozent. Eine gedruckte Tageszeitung lesen über 50 Prozent der Bevölkerung und auch zwei Drittel der jungen Menschen (unter 30 Jahre) greifen regelmäßig zu (digitalen) Zeitungen, und zwar quer durch alle Bevölkerungsschichten. Je nach Region und Nachrichtenkonkurrenz mag es nicht leicht sein, in der Zeitung vorzukommen, doch wenn es gelingt, das Interesse der Presse zu wecken, merken wir das in der Selbsthilfeberatung meist schon am nächsten Tag durch erhöhte Nachfrage nach genau dieser Gruppe/diesem Thema. Und je größer der Artikel, desto größer die Nachfrage. Aber wie schafft man es als Selbsthilfegruppe, in die Zeitung, ins Radio oder gar TV zu kommen?
Persönliche Geschichten
Für Journalist*innen und Leser*innen sind persönliche Geschichten die Interessantesten. Für größere Artikel ist entscheidend, dass hier ein konkreter Mensch im Mittelpunkt steht, dessen Leben erzählt werden kann, dass andere Menschen mitfühlen können und es etwas Besonderes, Neues enthält. Die Lesenden/Zuschauenden wollen Emotionen, sie wollen mitfühlen, sich darin wiedererkennen oder Neues erfahren. Und das klappt am besten, wenn sie etwas über eine Person erfahren können, der etwas Besonderes widerfahren ist oder die Schwierigkeiten zu meistern hat. Das passt gut zur gemeinschaftlichen Selbsthilfe, nicht wahr? Zusätzlich gilt aber: Es muss etwas objektiv Besonderes sein, also nicht jedem Menschen passieren, darf aber auch nicht zu exotisch sein.
Im besten Fall erzählt jemand aus der Gruppe seine*ihre Geschichte. Geschichten können mit Klarnamen und Ablichtung der Person erzählt werden oder anonymisiert und mit Symbolfoto. Auch wenn es noch gar keine Gruppe gibt, sondern jemand eine Gruppe gründen möchte, lohnt es sich, die eigene Geschichte zu erzählen und sie in der Öffentlichkeit zu einem gewissen Teil preiszugeben. Das will nicht jede*r, und das ist völlig in Ordnung. Es kann helfen, die Gruppe und das Thema bekannter zu machen, es sollte sich aber für die Person jederzeit gut anfühlen.
Möchte jemand die eigene Geschichte erzählen, erfolgt dies oft in einem Interview. Das kann während eines persönlichen Treffens oder eines Telefonats/Videomeetings geschehen. Bei einem Radio- oder TV-Beitrag ist die persönliche Begegnung natürlich absolut notwendig. TV-Beiträge für Fernsehmagazine dauern meist zwischen 1:30 und 3:30 Minuten, die Dreharbeiten dafür dauern jedoch viel länger. Das sollte man bedenken, entsprechend Zeit einplanen und nicht enttäuscht sein, wenn nur ein Bruchteil dessen gesendet wird, was aufgenommen wurde. Im Fernsehen oder Radio ist es natürlich deutlich schwieriger, anonym zu bleiben, Möglichkeiten dazu gibt es hier jedoch auch. Allerdings gilt allgemein: Journalist*innen möchten lieber Geschichten von Menschen erzählen, die sich offen zeigen. Je heikler, persönlicher, dramatischer die persönliche Geschichte jedoch ist, desto größer ist auch das Verständnis für eine Anonymisierung.
Was könnten das also für Geschichten sein, mit denen man das Interesse von Journalist*innen und dem Publikum weckt? Zum Beispiel Kaufsucht, Trennung aus einer toxischen Beziehung, Kriegsenkel, der Zwang, sich Haare auszureißen oder an der Haut zu pulen, körperdysmorphe Störung (große Scham vor dem eigenen Aussehen), postoperatives Delir (Verwirrung/Angstzustände nach einer Operation) – all diese Themen sind, anhand eines persönlichen Schicksals erzählt, in großen Artikeln mit dem Hinweis auf die Gruppengründung in Hamburger Zeitungen veröffentlicht worden. Teilweise sogar mit (Symbol)Foto, was die Aufmerksamkeit noch einmal erhöht. Die Resonanz war teilweise so groß, dass zwei Gruppen entstehen konnten.
Planung und Vorgehen
Überlegen Sie sich, in welches Medium diese Geschichte am besten passen könnte. Die Geschichte der betreffenden Person sollten Sie in kurzen Sätzen aufschreiben und mit zwei, drei persönlichen Zitaten unterfüttern. Sie müssen keinen fertigen Artikel abliefern, sondern den Journalist*innen Lust machen, selbst mit der Person zu sprechen und einen Beitrag daraus zu machen. Schicken Sie diesen Text an die Redaktion und warten Sie ein paar Tage. Wenn Sie keine Antwort erhalten, schicken Sie den Text an das nächste Medium. Sie können natürlich auch anrufen, besonders wenn Sie einen guten Draht zu einem Menschen aus der Presse haben, und die Person und ihre Geschichte vorstellen. Und selbst wenn keine Zeitung Ihren Text zum Anlass nimmt, einen Artikel zu veröffentlichen, können Sie ihn immer noch für Ihre Homepage oder Social Media nutzen.
Pressemitteilung
Auch wenn sich kein Gruppenmitglied findet, das seine Geschichte erzählen möchte, gibt es Möglichkeiten, auf die Gruppe, das nächste offene Gruppentreffen oder eine besondere Veranstaltung aufmerksam zu machen. Hierbei sind drei Punkte besonders wichtig:
- Die W-Fragen müssen beantwortet werden,
- KISS (keep it short and simple) und
- der Text muss aus Sicht der Presse geschrieben werden, nicht aus Sicht einer Selbsthilfegruppe/Kontaktstelle.
Zu Punkt 1: Wer, was, wann, wo, warum? Wenn Ihr Text diese Fragen beantwortet, enthält er alle wichtigen Infos.
Zu Punkt 2: Halten Sie den Text knapp, einfach und sachlich. Vermeiden Sie schmückende Adjektive, Eigenlob, Schachtelsätze, Passivkonstruktionen.
Zu Punkt 3: Auch wenn Sie/Ihre Gruppe den Text schreiben und auf eine Veröffentlichung hoffen, so wird der Text (hoffentlich) in einer Zeitung veröffentlicht und die wird von Journalist*innen geschrieben. Während Sie in einem Flyer, auf Ihrer Homepage oder in Ihrem Social-Media-Kanal gerne von „Wir freuen uns auf neue Mitglieder“, „Unsere Gruppe sucht Mitstreiter“ oder „Wir treffen uns“ schreiben können, gilt genau das für die Pressemitteilung nicht. Hier muss es heißen: „Die Gruppe XY sucht Mitstreiter“, „Die Gruppengründerin freut sich über neue Mitglieder“ oder „Die Gruppe trifft sich“.
Wenn Sie diese drei Punkte beherzigen, bestehen gute Chancen, dass Ihr Text es in die Zeitung schafft. Es gilt jedoch zu bedenken: Sie machen den Journalist*innen mit Ihrem Text ein Angebot, das diese ablehnen, annehmen oder angepasst übernehmen können. Das heißt, Sie können niemandem zusagen, dass Sie einen Artikel in der Zeitung platzieren oder dass genau das darinstehen wird, was Sie gerne hätten. Aber Sie können einen bestmöglichen Text dafür verfassen.
Weitere Literatur- und Medientipps
Ergänzend zu unseren Fachbeiträgen finden Sie auf NAKOS IMPULSE weiterführende Literatur- und Medientipps rund um dieses und andere Themen der Selbsthilfe.